Mission Possible
Kahl/Wolverhampton. Wie alljährlich Anfang Februar, traf sich die Nation der ungewöhnlichen Ausdauersportler vor den Toren von Wolverhampton zum Tough Guy. So machte sich eine kleine Abordnung der Feuerwehr Kahl auf den Weg dort hin. Bereits am Samstag stand fest, dass nur ein Starter auf den Hindernisparcours gehen wird. Dietmar Reichert konnte krankheitsbedingt nicht mit an den Start gehen. Die Grippe hatte ihn, wie so viele zu dieser Jahreszeit, schwer angeschlagen und zu diesem vernünftigen Entschluss gebracht. Doch er und seine Frau Christine begleiteten den zweiten Starter Roland Kuther, der sich dem Lauf stellen wollte.
Doch bereits kleinere Zwischenfälle verhinderten eine problemlose Anreise. In Frankfurt am Flughafen war noch das kleinere Übel, Probleme mit den Tickets, diese wurden dann recht schnell durch die Fluggesellschaft gelöst. Im Landeanflug auf Birmingham, dann eine Schrecksekunde, bereits im Sinkflug startet das Flugzeug durch und dreht nach rechts ab. Kurz später die Durchsage vom Kapitän, dass es bei der Landung des vorigen Flugzeuges zu Vogelschlag gekommen ist und man erst die Situation am Flughafen abwarten wollte, auch die Landebahn wurde sofort gesperrt. Doch dann wurde endlich der Zielort auf der Insel erreicht. Nach erfolgter Ankunft ging es sofort an den Veranstaltungsort, um die Startunterlagen zu holen und sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut zu machen. Teilweise geschockt und mit nicht hoffnungsvoller Erwartung an den Rennverlauf ging es am Abend zurück ins Hotel. Ausruhen und Entspannen für den folgenden Tag.
Sonntagmorgen, der Wettergott hatte sein übriges, um einen schweren Rennverlauf zu gewährleisten, getan. Außentemperatur 1 Grad Minus und ein eiskalter Ostwind würde den Läufern das Leben zur Hölle machen. Man traf die kuriosesten Menschen, welche die nur mit einen String oder Borat Badeanzug bekleidet waren.
Fertigmachen zum Laufen hieß es jetzt, als erstes noch Beschriften der Stirn mit der Startnummer. Böse Zungen behaupten, dass dies dazu dient, dass wenn jemand den Kopf verliert, man diesen seinem Körper zuordnen kann. Den „Passport to Heaven" mit aufgedrucktem Bild und Startnummer auf der Vorderseite, sowie falls es zum Notfall kommt, medizinische Besonderheiten. Die Heimatadresse steht auch noch drauf. Alle freien Körperstellen wurden dick mit Vaseline eingeschmiert und letztendlich die erprobte Bekleidung drüber.
Roland gab vor dem Rennen eine schwarze Prognose, bei dem kalten Wind und dem Lauf durch die zahlreichen Wasserlöcher würde ein Ankommen für ihn unmöglich sein. Gegen 10:30 Uhr erfolgte die Startaufstellung, Dudelsackpfeifer liefen auf, die Menschenmenge heizte sich mit Schlachtrufen auf, eine Kulisse, die man nur von Filmen wie „Braveheart", vor einer großen Schlacht kennt.
Der Adrenalinspiegel der Läufer stieg und stand wie ein Dunst über dem Starterfeld. Für Roland ging es jetzt endlich los, Roland, der noch vor den Lauf voller Zweifel war, sagte später, in diesem Moment als es los ging, war es als hätte man mir Adrenalin direkt ins Herz gespritzt.
Das Rennen war eröffnet, die tausenden Läufer machten sich auf den härteten Hindernisparcours der Welt, dies ist zumindest die Aussage des Veranstalters. Zwar ist die Strecke nur ca. 12 Kilometer lang, das sollte für einen erfahrenen Läufer kein Problem sein, doch die Hindernisse haben es in sich. Klettergestelle aus Baumstämmen und Tauen von bis zu 10 Meter Höhe, die in Deutschland kein TÜV abgenommen hätte, mussten ohne jegliche Sicherung überklettert werden. Zahlreiche hüfttiefe Wasserlöcher und Gräben waren zu durchwaten. Gar ein Hindernis musste mehrmals untertaucht werden. Bei diesen Temperaturen für „normale" Menschen der Tod. Kein Weg war trocken und meist mit Knöchel tiefen Schlamm bedeckt.
Szenen die man nur aus Kriegsgebieten kennt, Stacheldraht und meterlange Tunnel die sofort im Wasser enden. Zum Ende der Strecke mussten noch zahlreiche Betonröhren überklettert werden, hier war die Ausfallquote enorm hoch, zahlreiche Läufer lagen mit Krämpfen und schmerverzerrten Gesichten am Boden, der Ton des Warnsignals des Rettungswagen war vom Startschuss ab bis zum Ziel zu hören. Doch jetzt noch drei Schlammhügel zu überlaufen und das Ziel war erreicht. Mit einem lauten Freudenschrei lief Roland über die Ziellinie. Doch der Lauf und die Herausforderung für dir Abordnung aus Kahl war hier noch lange nicht zu Ende. Hunderte mit Rettungsdecken bekleidete Läufer standen im Zielbereich. Das Wetter hatte sich schon massiv verschlechtert, Schneefall und eisiger Wind.
Zurück ins Hotel ging es mit dreckverschmiertem Gesicht, die sanitären Anlagen vor Ort luden nicht gerade zum Duschen ein. Im Hotel wurde erstmal warm gebadet, doch die Füße und Hände wollten nur langsam wieder Gefühl bekommen. Am Abend war Wolverhampten schon mit einer 5 Zentimeter dicken Schneeschicht überzogen. An nächsten Morgen dann der Blick aus dem Fenster, 10 Zentimeter Schnee, in den Nachrichten die Meldung, das zahlreiche Flüge von der Insel gestrichen wurden, ja sogar mancher Flughafen ganz geschlossen wurde. Egal, das Team machte sich am Nachmittag mit der Bahn auf den Weg nach Birmingham, wo es auch nach zweistündiger Irrfahrt ankam.
Am Flughafen schien die Situation noch recht überschaubar, einige Flüge waren zwar gestrichen, aber der Flug der Unterfranken stand erst mal. Gewohnt wie es in einem Flughafen ist, ging es durch die Sicherheitskontrolle, auch hier keine Probleme. Doch beim Gang zum Wartebereich wurden wir umgeleitet, unsere Befürchtungen wurden zur Wahrheit, der Flug war für heute gestrichen. Kein Wegkommen mehr am Montag möglich. Am Ticketcenter der Fluggesellschaft stand schon eine lange Schlange, wir reihten uns ein. Der Flug wurde auf den Dienstag 07:00 Uhr umgebucht, die Fluggesellschaft organisierte ein Hotel und den Transport dort hin, muss sagen eine logistische Meisterleistung. Auch im Hotel, das keinesfalls eine Absteige war, fand man eine ausgezeichnete Versorgung durch die Linie vor. Bereits um 03:30 Uhr war die Nacht zu Ende, kurzes Breakfast (Frühstück) im Empfang, den Umständen entsprechend, aber auf jeden Fall in Ordnung, kam bereits um 04:30 Uhr der Shuttle Bus, um die Gestrandeten zum Flughafen zu bringen.
Dafür, dass die Meteorologen in England schon vor einigen Tagen auf die Wetterverhältnisse hingewiesen hatten, so wenig hatte man dort wirklich damit gerechnet oder war darauf eingestellt. So verzögerte sich der Flug nochmals um eine Stunde, nur weil das Vorfeld vereist war und die Tankwagenfahrer sich weigerten die Flugzeuge anzufahren. Egal, glückliche Landung des Teams der Feuerwehr um 10:30 Uhr in Frankfurt und zurück nach Kahl. Alles hatte letztendlich einen guten Ausgang und zusätzlich einen Hauch von Abenteuer.